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25.08.2026

DFG-VK Historisch: Totalverweigerung

Die Frage der totalen Verweigerung begleitet die Friedensbewegung seit Jahrzehnten – auch innerhalb der DFG-VK wurde und wird sie intensiv diskutiert. Der folgende historische Beitrag beleuchtet eine Debatte aus den 1970er-Jahren, in der unterschiedliche Positionen zur vollständigen Ablehnung von Militär- und Zivildienst aufeinandertreffen. Viele der damals formulierten Argumente wirken bis heute nach und spiegeln Konfliktlinien wider, die auch gegenwärtig im Verband und in der antimilitaristischen Bewegung verhandelt werden. In unserer Rubrik „DFG-VK historisch“ werfen wir einen Blick zurück auf diese Auseinandersetzung und laden dazu ein, sie im heutigen Kontext neu zu betrachten. Dieser Meinungsbeitrag von Ulli Thiel erschien in der ZivilCourage Nr. 7/8, Juli/August 1975, im ersten Jahr des damals neu gegründeten Magazins.

Die Meinung –  Ulli Thiel – Totalverweigerung?

Seit letztem Jahr versucht eine Gruppe junger französischer, italienischer, deutscher, Schweizer und holländischer Pazifisten durch den Akt der totalen Verweigerung den Kampf gegen den Militarismus zu führen. Die Widerständler verweigern in ihren Ländern jegliche Zusammenarbeit mit dem Militär und lehnen sowohl den militärischen Zwangsdienst als auch dessen Ersatz in Form eines Zivildienstes ab. Ihr erklärtes Ziel ist es zudem, durch ihre internationale kollektive Widerstandskampagne die Diskussion über die Rolle der Armee und der staatlichen Zwangsdienste aufzunehmen. Ein wichtiger Aspekt in der Kampagne ist deren internationaler Charakter.

Angesichts der internationalen Verflechtung auf militärischer und wirtschaftlicher Ebene wie Militärbündnisse und multinationale Konzerne können wirkliche Veränderungen nur durchgesetzt werden, wenn wir die internationale Dimension erfassen und solidarisch über Grenzen hinweg handeln. Wichtig ist ebenfalls, dass die Kampagne nicht bei der Erörterung der Möglichkeit der totalen Verweigerung stehen bleibt, sondern konkrete internationale Aktionen durchführt.

Eine erste Aktion fand im Oktober 1974 in Straßburg statt, wo etwa 30 Antimilitaristen und Pazifisten einem Vertreter des Europaparlaments ihre Wehrpässe aushändigten. Bei einer Pressekonferenz am gleichen Tag verbrannten drei Totalverweigerer aus Frankreich öffentlich ihre Einberufungsbefehle. Die Reaktion auf die Widerstandskampagne vonseiten der Behörden ließ nicht lange auf sich warten, mehrere der Mitglieder wurden festgenommen und zum Teil auch schon zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.

Wenn wir heute zu einer nüchternen Einschätzung der Möglichkeiten der totalen Verweigerung kommen wollen, so sollten wir uns in erster Linie mit dem befassen, was von den Mitgliedern der Widerstandskampagne dargelegt und praktiziert wird. Jene Form der totalen Verweigerung, die sich lediglich auf die Verweigerung beider Dienste beschränkt und darüber hinaus keine politischen Perspektiven besitzt und keinen Widerstand gegen Militarismus und Kriegsvorbereitung einbezieht, steht hier nicht zur Diskussion. Wird aber mit der totalen Verweigerung pazifistisches und antimilitaristisches Engagement, und dies noch auf internationaler Ebene, verbunden, so scheint mir dieser Weg des Eintretens für friedliche Strukturen eine wichtige und ernst zu nehmende Kampfform zu sein.

In vielen Punkten ist dem, was die Totalverweigerer veranlasst, den Ersatz oder Zivildienst abzulehnen, zuzustimmen. Der heutige Zivildienst ist kein Friedensdienst, nicht bei uns und erst recht nicht in anderen europäischen Ländern. Gerade dort trägt er oft den Charakter des reinen Arbeitsdienstes. Auch langfristig ist nicht zu erwarten, dass der Staat die Kriegsdienstverweigerer in Stellen einsetzt, in denen unfriedliche Strukturen oder gar Kriegsursachen beseitigt werden können. Kriegsdienstverweigerer werden als billige Arbeitskräfte und Lückenbüßer im sozialen Bereich eingesetzt, in dem chronischer Arbeitskräftemangel herrscht.

Der Zivil- oder Ersatzdienst besitzt gegenüber dem Militärdienst keine Eigenständigkeit, sondern unterliegt den Bestimmungen und Bedürfnissen der herrschenden Militärpolitik. Mit anderen Feststellungen werden wir uns dagegen etwas differenzierter auseinandersetzen müssen, insbesondere die Frage nach dem Zwang des Dienstes lässt sich nicht so einfach beurteilen, wie es der amerikanische Totalverweigerer John Braxton tut, wenn er sagt, „ein Dienst an der Gesellschaft, der unter Zwang geleistet wird, ist überhaupt kein Dienst, sondern Knechtschaft, und dafür ist kein Platz in einer Demokratie“.

Der Argumentation mit dem Zwangsdienst, die sich wie ein roter Faden durch die Begründung für die totale Verweigerung zieht, scheint mir auch bei anderen Totalverweigerern sehr überzogen zu sein. Lehnt ein Kriegsdienstverweigerer den Ersatz oder Zivildienst nur deswegen ab, weil er vom Staat verordnet ist, so müsste er in letzter Konsequenz auch andere vom Staat verlangte Leistungen und Pflichten verweigern, wie Steuern oder Schulbesuch, dies geschieht aber nicht. Wichtig scheint mir auch eine Differenzierung bei der Einschätzung des Ersatzdienstes zu sein. Länder, in denen als Alternative ein Arbeitsdienst angeboten wird, der zudem die Dauer des Militärdienstes weit überschreitet, sollte man nicht unkritisch mit jenen Ländern gleichsetzen, die den Kriegsdienstverweigerern andere Möglichkeiten bieten.

Die größten Schwierigkeiten bei der Kampagne für totale Verweigerung scheinen meiner Meinung nach darin zu bestehen, ihre Zielsetzung und Inhalte in der Öffentlichkeit zu vermitteln; da es schon für Zivildienst leistende Kriegsdienstverweigerer schwierig ist, nicht als Drückeberger diffamiert zu werden, dürfte es für den totalen Verweigerer noch weitaus aussichtsloser sein, von der Gesellschaft anerkannt und ernst genommen zu werden.

Alle Argumente, dass man keinen Zivildienst leisten wird, weil es kein echter Friedensdienst sei, werden als Vorwand ausgelegt dafür, dass man der Gesellschaft überhaupt keinen Dienst leisten und sich drücken wolle. Auch der Hinweis, dass man in eigener Regie einen Friedensdienst etwa in freiwilligen Alternativdienstprojekten oder Bürgeraktionen absolvieren werde, wird den ausgesprochenen Verdacht nicht entkräften. Es ließen sich wohl noch eine Reihe weiterer Argumente für oder gegen die Widerstandsform der totalen Verweigerung anführen. Das Ergebnis wird nach Abwägen des Pro und Contra auch dann wohl immer dies sein: Jeder Kriegsdienstgegner muss sich ausgehend von der ganz konkreten Situation in seinem Land selbst entscheiden, welchen Widerstand er für richtig hält. Empfehlungen zu geben oder gar einen Absolutheitsanspruch in dieser Frage zu erheben, würde eher schaden und droht außerdem die friedenspolitische Opposition in Europa zu spalten. Viel wichtiger als ein möglicher Streit um den richtigen Weg ist es in der gegenwärtigen Situation, dass sich Totalverweigerer und Zivildienstleistende auf gemeinsame Zielsetzungen besinnen und miteinander versuchen, die Kriegsursachen zu beseitigen.

Dieser Beitrag erscheint in der ZivilCourage Ausgabe 2/2026

Kategorie: Zivilcourage Stichworte: Totalverweigerung, ZivilCourage

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