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03.04.2026

Wie der Krieg hierzulande vorbereitet wird.

Krieg beginnt nicht erst mit dem ersten Schuss. Er beginnt leise: in Kabinettsbeschlüssen, Bebauungsplänen, Investitionsprogrammen. Er beginnt dort, wo Produktionskapazitäten geschaffen, Infrastrukturen umgewidmet und historische Erinnerungsorte ihrer Bedeutung beraubt werden. Zwei aktuelle Entwicklungen zeigen das in bedrückender Klarheit: eine neue Produktionsstätte für schwere Bomben von Rheinmetall in Berlin-Wedding – und ein Infrastrukturgesetz, das Deutschland zur militärischen Drehscheibe Europas machen soll.

Bombenproduktion am Ort des Luftschutzes

In Berlin-Wedding, unweit des Flakturm Humboldthain, entsteht eine neue Produktionsstätte für schwere Bomben. Der Ort könnte zynischer kaum gewählt sein. Direkt neben einem Bauwerk, in dem während des Zweiten Weltkriegs bis zu 40 000 Menschen Schutz vor Bombenangriffen suchten, sollen nun erneut Waffen produziert werden, die Tod und Zerstörung bringen.

Der Flakturm im Humboldthain ist nicht irgendein Relikt. Er steht für den industrialisierten Luftkrieg, für die totale Mobilmachung, für eine Gesellschaft, die sich bis in ihre Städte hinein auf Vernichtung eingestellt hatte. Dass ausgerechnet hier – an einem Ort, der Mahnung und Erinnerung zugleich ist – heute wieder Kriegsproduktion angesiedelt wird, zeigt, wie brüchig das vielbeschworene „Nie wieder“ geworden ist. Erinnerung wird museal verwaltet, während nebenan die nächste Eskalationsstufe vorbereitet wird.

Rheinmetall steht exemplarisch für diese neue Normalität. Der Konzern profitiert massiv von Aufrüstung und Kriegsangst. Die Produktion wird ausgeweitet, Standorte werden gesichert, neue geschaffen. Dass dies mitten in einer Großstadt geschieht, wird dabei kaum noch als Skandal wahrgenommen. Krieg rückt näher – nicht nur geografisch, sondern auch gesellschaftlich.

Autobahnen für Panzer statt für Menschen

Parallel dazu treibt die Bundesregierung mit dem sogenannten Infrastruktur-Zukunftsgesetz einen grundlegenden Umbau voran. Öffentlich verkauft als Modernisierung von Straßen, Schienen und Brücken, dient das Gesetz zunehmend einem anderen Zweck: Deutschland soll zur militärischen Drehscheibe in Europa werden. Schweres Kriegsgerät soll künftig möglichst schnell und reibungslos über Autobahnen und Schienenwege an die Ostflanke der NATO verlegt werden können.

Was technisch als „Resilienz“ und „Ertüchtigung“ beschrieben wird, ist politisch eine klare Weichenstellung. Brücken werden auf höhere Lasten ausgelegt, Verkehrswege priorisiert, Genehmigungsverfahren verkürzt. Umwelt- und Klimaschutz geraten dabei unter die Räder. Die Deutsche Umwelthilfe spricht von einem „Generalangriff auf den Klimaschutz“ – und trifft damit einen wunden Punkt. Während Milliarden für militärisch nutzbare Infrastruktur bereitgestellt werden, fehlen sie bei sozialer Daseinsvorsorge, bei zivilem Katastrophenschutz, bei der dringend notwendigen Verkehrswende.

Deutschland wird so nicht nur logistischer Knotenpunkt, sondern Teil der operativen Kriegsplanung. Autobahnen werden zu Aufmarschachsen, Bahnhöfe zu Umschlagplätzen für Panzer und Munition. Die Grenze zwischen ziviler und militärischer Nutzung verschwimmt – mit allen Risiken, die das im Ernstfall für die Bevölkerung bedeutet.

Normalisierung der Vorbereitung

Beide Entwicklungen folgen derselben Logik: Krieg wird nicht mehr als Ausnahme, sondern als Planungsgrundlage behandelt. Produktionsstätten für Bomben gelten als „Industriearbeitsplätze“, militärische Infrastruktur als „Zukunftsinvestition“. Die gesellschaftliche Debatte hinkt hinterher, kritische Stimmen werden marginalisiert oder als naiv abgetan.

Doch wer hinschaut, erkennt das Muster. Kriegsvorbereitung heißt heute: industrielle Kapazitäten schaffen, Transportwege sichern, rechtliche Hürden abbauen. Es heißt auch, historische Erfahrungen zu entkoppeln von aktuellem Handeln. Der Flakturm im Humboldthain wird zum stillen Zeugen einer bitteren Ironie: Schutzräume von gestern stehen neben den Waffen von morgen.

Widerstand bleibt notwendig

Gerade deshalb braucht es Widerspruch. Die Frage, wie Sicherheit definiert wird, darf nicht allein Militärs, Rüstungskonzernen und sicherheitspolitischen Thinktanks überlassen werden. Sicherheit entsteht nicht durch immer mehr Bomben und immer schnellere Truppenverlegungen, sondern durch Diplomatie, soziale Gerechtigkeit, Klimaschutz und zivile Konfliktbearbeitung.

Die Vorbereitung auf Krieg ist kein Naturgesetz. Sie ist Ergebnis politischer Entscheidungen – und damit auch politisch angreifbar. Orte wie der Humboldthain erinnern daran, wohin Militarisierung führt. Es liegt an uns, ob diese Erinnerung handlungsleitend bleibt oder endgültig von Beton, Stahl und Bomben überdeckt wird.

Yannick Kiesel

Kategorie: Zivilcourage

31.03.2026

Spende für die Koordination der KDV-Arbeit


Liebe Friedensfreund*innen,

Kriegsdienst ist wieder Thema: 7.691 Menschen haben 2025 einen Antrag auf Kriegsdienstverweigerung gestellt – im Vorjahr waren es noch „nur“ 2.998 KDV-Anträge. Es sind vor allem Zivilist*innen die verweigern (2025 waren das 5.923) aber auch Menschen, die schonmal bei der Bundeswehr waren und daher als Reservist*innen gelten (1.576). Auch einige aktive Soldat*innen legen jedes Jahr die Waffe nieder (192).

Ihnen alle helfen wir dabei ihr Grund- und Menschenrecht auf Kriegsdienstverweigerung wahrzunehmen, getreu dem Motto: Stell dir vor, es ist Krieg – und keiner geht hin. Daher unterstützen wir nicht nur Menschen in und aus Deutschland, sondern auch aus allen anderen Ländern bei der Verweigerung.

Mittlerweile haben wir – auch dank der Spenden zu Weihnachten – ein bundesweites Netzwerk aus mehreren hundert ehrenamtlichen KDV-Berater*innen aufgebaut. Unsere zentrale Website www.verweigern.info hatte in den ersten zwölf Monaten ihres Bestehens über 930.000 Aufrufe. Über 50.000 Flugblätter zur Kriegsdienstverweigerung haben wir schon drucken lassen. Hinzu kommen weitere Materialien wie Erklärposter und Aufkleber, um junge Menschen auf ihr Recht auf KDV aufmerksam zu machen. Wir sind die zentrale Anlaufstelle für Hilfesuchende – und wenn der neue Wehrdienst absehbar erst einmal zu einer Wehrpflicht wird, werden die Anfragen an uns noch weiter zunehmen.

Um unsere aktuelle KDV-Arbeit zu koordinieren und auszubauen würden wir gerne Clara Meier anstellen, wofür wir finanzielle Hilfe brauchen. Zudem wollen wir einige juristische Fragen rund um den neuen Wehrdienst klären: Ist das neue Gesetz überhaupt rechtens? Hilf uns zu helfen! Mehr zu unseren beiden aktuellen Spendenthemen findest du weiter unten.

Vielen Dank für deine Aufmerksamkeit und eine schöne Osterzeit,

Ralf Buchterkirchen (Bundeskassierer der DFG-VK)


Kriegsdienstverweigerungsarbeit koordinieren – Clara anstellen!

Stichwort: Clara
Spendenziel: 25.000 Euro

Clara Meier wurde 1999 in Berlin geboren, hat Politikwissenschaften in Nancy (Frankreich) studiert und ist gerade dabei, Theatertherapie in Nürtingen zu studieren – sie will Theater als Werkzeug in der Friedensarbeit nutzen. Sie hat unter anderem an Trialogen zwischen Palästinenser*innen, Israelis und Deutschen teilgenommen und möchte im Feld des Peacebuilding arbeiten.

Seit letztem Jahr beschäftigt sie sich intensiv mit Kriegsdienstverweigerung, war im Sommer auf unserem ersten KDV-Kongress, hat eine Schulung zur KDV-Beraterin gemacht und selbst schon einige Menschen bei ihrer Verweigerung begleitet.

Unser Bundesausschuss hat Clara gewählt, um sie auf Basis einer 15 Stunden/Woche einzustellen, damit sie die KDV-Arbeit unseres Verbands koordiniert: In unserer bundesweiten KDV-Arbeitsgruppe sind mittlerweile knapp 200 Berater*innen aktiv, die etwa zu neuen Gesetzeslagen und der Verwaltungspraxis auf dem Laufenden gehalten werden müssen. Auch weitere Berater*innen soll Clara ausbilden, für die Presse als Expertin zu dem Thema zur Verfügung stehen, bei jungen Menschen dafür werben, den Kriegsdienst rechtzeitig zu verweigern und dazu auch selbst Beratungen durchführen. Die Fähigkeiten dafür bringt Clara mit! Jetzt müssen wir nur noch das Geld zusammenbekommen, um sie – erstmal für ein Jahr – anstellen zu können. Dafür brauchen wir deine Hilfe!



Das neue Wehrdienstgesetz – Rechtsfragen klären!

Stichwort: Rechtsfragen
Spendenziel: 6.000 Euro

Welche Konsequenzen hat für junge Männer, wenn sie das Ausfüllen des Bundeswehr-Fragebogens mit Verweis auf die heutige Geschlechtergerechtigkeit verweigern? Immerhin ist das Ausfüllen des Fragebogens für Männer – im Gegensatz zu Frauen – verpflichtend. Und was ist, wenn man heute die Musterung verweigert? Ist das ganze neue Wehrdienstgesetz überhaupt rechtens? Immer wieder kommen – teils grundlegende – juristische Fragen im Zusammenhang mit dem neuen Wehrdienst und der Kriegsdienstverweigerung auf. Dazu berät uns David Werdermann, ein junger Rechtsanwalt aus Berlin – und mittlerweile einer der bundesweiten Experten in diesen Fragen. In der Debatte um das neue Gesetz hat er bereits zwei umfangreiche Studien verfasst. Nun steht er uns für juristische Spezialfragen zur Verfügung. Da die Klärung oft aufwendig ist, gehen sie weit über das ehrenamtliche politische Engagement hinaus. Daher sammeln wir nun Spenden, um die juristische Arbeit gegen den Wehrdienst und für Kriegsdienstverweigerung zu ermöglichen.






Kategorie: Allgemein, Anti-Militarisierung, Kriegsdienstverweigerung, Pazifismus und Antimilitarismus, Spendenaufruf Stichworte: Kriegsdienstverweigerung, Spendenaktion, Spendenaufruf, Wehrdienst

30.03.2026

Heraus zum Ostermarsch!

In einer Zeit, in der weltweit aufgerüstet wird, militärische Logiken wieder an Einfluss gewinnen und Konflikte zunehmend mit Gewalt statt mit Diplomatie beantwortet werden, ist es wichtiger denn je, unsere Stimme für den Frieden zu erheben. Militärische Eskalation ist keine abstrakte Bedrohung – sie bedeutet Leid, Zerstörung und Unsicherheit. Sie verschärft soziale Ungleichheiten, bindet enorme Ressourcen und trifft letztlich uns alle.

Auch hierzulande erleben wir eine zunehmende Militarisierung: steigende Rüstungsausgaben, eine stärkere Präsenz des Militärs im öffentlichen Raum und politische Debatten, die Aufrüstung als alternativlos darstellen. Doch Sicherheit entsteht nicht durch Waffen, sondern durch Zusammenarbeit, soziale Gerechtigkeit und internationale Verständigung.

Die Ostermärsche sind seit Jahrzehnten ein sichtbares Zeichen gegen Krieg und Aufrüstung. Sie stehen für die Überzeugung, dass Konflikte friedlich gelöst werden müssen – und dass eine Welt ohne Krieg möglich ist. Gerade in der aktuellen Situation ist es entscheidend, dieser Perspektive Raum zu geben und gemeinsam für Entspannungspolitik und eine konsequente, weltweite Abrüstung einzutreten.

Wir rufen daher alle dazu auf: Beteiligt euch an den Ostermärschen! Geht auf die Straße, bringt eure Stimmen ein und zeigt, dass viele Menschen eine andere Politik wollen – eine Politik, die auf Dialog statt Konfrontation setzt, auf Abrüstung statt Aufrüstung und auf Frieden statt Krieg.

Eine Übersicht über alle Termine und Veranstaltungen findet ihr im Kalender des Netzwerk Friedenskooperative. Dort könnt ihr nach Aktionen in eurer Nähe suchen und euch anschließen.

Abrüstungsappell unterschreiben!

👉 Zusätzlich kannst Du jetzt den Abrüstungsappell unterschreiben und ein starkes Zeichen für Frieden und gegen Aufrüstung setzen.

Der Appell wurde von DFG-VK, IPPNW, Netzwerk Friedenskooperative, Ohne Rüstung Leben und pax christi gestartet. Die Unterschriftensammlung läuft bis zu den Haushaltsverhandlungen im Herbst 2026 – dann übergeben wir die Forderungen an die Bundesregierung.

Die Unterschriftenlisten gibt es auch hier in unserem Shop zum Bestellen oder hier zum Ausdrucken, damit du selbst in deinem Umfeld sammeln kannst.

Lasst uns gemeinsam ein starkes Zeichen setzen – für eine friedlichere Welt, für globale Abrüstung und für eine Zukunft ohne Krieg.

Heraus zum Ostermarsch – denn Frieden braucht Bewegung! ✌️

Kategorie: Allgemein, Kriege & Konflikte

27.03.2026

Schreibe deinem Abgeordneten – Unterstützung für Yurii!

Die Situation des ukrainischen Kriegsdienstverweigerers Yurii Sheliazhenko bleibt weiterhin besorgniserregend: Nach seiner Festnahme am 19. März 2026 in Kiew ist er zwar inzwischen wieder freigelassen worden – doch wie dauerhaft diese Freilassung ist, bleibt unklar. Die Gefahr erneuter Repressionen und insbesondere einer Zwangsrekrutierung besteht weiterhin.

Yurii Sheliazhenko ist seit Jahrzehnten ein engagierter Pazifist, Menschenrechtsverteidiger und eine zentrale Stimme für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung – in der Ukraine und international. Die Umstände seiner Festnahme werfen erhebliche Fragen hinsichtlich der Einhaltung rechtsstaatlicher und menschenrechtlicher Standards auf.

Als DFG-VK rufen wir dazu auf, sich solidarisch zu zeigen und politischen Druck aufzubauen: Setzt euch bei euren Abgeordneten für den Schutz von Yurii Sheliazhenko ein!

Ihr könnt folgende Vorlage für eure Anschreiben an eure Abgeordneten nutzen:

Sehr geehrte*r __________,

ich wende mich mit einer dringenden Bitte an Sie.

Der ukrainische Kriegsdienstverweigerer, Pazifist und Menschenrechtsverteidiger Yurii Sheliazhenko, der am 19. März 2026 in Kiew festgenommen wurde, ist inzwischen wieder freigelassen worden. Diese Entwicklung ist zwar erleichternd, jedoch besteht weiterhin große Unsicherheit über seine Situation und Sicherheit. Es ist unklar, wie dauerhaft diese Freilassung ist, und es besteht weiterhin die Gefahr erneuter Maßnahmen gegen ihn, insbesondere im Hinblick auf eine mögliche Zwangsrekrutierung.

Bereits die Umstände seiner Festnahme geben Anlass zu großer Sorge. Nach vorliegenden Informationen erfolgte diese unter Missachtung rechtsstaatlicher Verfahren. Es gibt Hinweise darauf, dass weder ein ordnungsgemäßes Festnahmeprotokoll erstellt wurde, noch klare rechtliche Gründe für den Freiheitsentzug genannt wurden. Zudem soll ihm der Zugang zu anwaltlichem Beistand erschwert worden sein.

Diese Vorgänge werfen erhebliche menschenrechtliche Fragen auf und könnten gegen grundlegende Rechte verstoßen, darunter das Recht auf Freiheit und Sicherheit sowie die Gewissensfreiheit, wie sie in internationalen Abkommen garantiert sind.

Yurii Sheliazhenko ist seit Jahrzehnten ein bekannter Kriegsdienstverweigerer und engagiert sich als Wissenschaftler und Aktivist für Frieden und Menschenrechte. Er ist unter anderem Geschäftsführer der Ukrainischen Pazifistenbewegung und im europäischen sowie internationalen Kontext aktiv.

Ich bitte Sie daher weiterhin eindringlich:

  • sich für den dauerhaften Schutz und die Sicherheit von Yurii Sheliazhenko einzusetzen
  • sich gegen jede Form der Zwangsrekrutierung in seinem Fall auszusprechen
  • die Einhaltung rechtsstaatlicher und menschenrechtlicher Standards einzufordern

Als Mitglied bzw. Unterstützer*in der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) ist mir der Schutz des Rechts auf Kriegsdienstverweigerung ein zentrales Anliegen.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie sich im Rahmen Ihrer Möglichkeiten weiterhin für diesen Fall einsetzen und ihn auch innerhalb des Bundestages oder gegenüber internationalen Partnern thematisieren.

Weitere Informationen finden Sie hier:
https://wri-irg.org/en/story/2026/urgent-conscientious-objector-and-human-rights-defender-yurii-sheliazhenko-detained

Mit freundlichen Grüßen

[Name]
[Ort]

Bei Fragen nehmen Sie bitte jederzeit Kontakt zu uns auf:

Michael Schulze von Glaßer (pol. Geschäftsführer der DFG-VK): svg@dfg-vk.de

Kategorie: Aktuelle Kriegsgebiete, Anti-Militarisierung, Kriege & Konflikte, Kriegsdienstverweigerung, Kriminalisierung von Kriegsgegner*innen, Pazifismus und Antimilitarismus, Theorie & Praxis Stichworte: Ukraine, Ukrainische Pazifistische Bewegung, Yurii Sheliazhenko

24.03.2026

Friedensprofile – Interview Linn Stalsberg

[English version below]

Linn Stalsberg (*1971) ist eine norwegische Journalistin, Soziologin und Autorin. Sie hat einen Master
in Soziologie von der London School of Economics und arbeitete als Journalistin für Verdens Gang,
Dagbladet, NRK und Amnesty Norway. Derzeit ist sie freie Autorin und Kolumnistin, u.a. schreibt sie für
die linke norwegische Zeitung Klassekampen. In ihren Büchern kritisiert sie den neuen Liberalismus
und das kapitalistische System des Westens.

Linn Stalsberg wird am 6. Mai 2026 eine Lesung in Berlin veranstalten. Sie ist offen für weitere Termine in Deutschland in diesem Zeitraum und freut sich über Kontaktaufnahme: info@kommode-verlag.ch
Eine Rezension ihre Buches findet ihr am Ende des Interviews.

Sie beschreiben Krieg als „Verachtung des Lebens“ – nicht nur als politisches Instrument, sondern als gesellschaftliches Phänomen. Welche strukturellen Mechanismen halten Sie für die wichtigsten, um Krieg als „normalen“ Teil der Politik zu reproduzieren, und wie können Friedensbewegungen daran arbeiten, diese zu beseitigen?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir verstehen, wie etwas in einer Gesellschaft als „gesunder Menschenverstand“ etabliert wird, und das bedeutet, dass wir zunächst zwischen einer Erzählung und einer Geschichte unterscheiden müssen. Eine Erzählung ist der übergeordnete Rahmen, in dem alle anderen Geschichten stattfinden. Der übergeordnete Rahmen unserer Zeit lautet beispielsweise: Wir müssen einfach aufrüsten! Mit anderen Worten: eine militaristische Ideologie, die die Militarisierung unserer Gesellschaft zulässt. Innerhalb dieses Rahmens gibt es viele Geschichten: Wie stark sollen wir uns wiederbewaffnen? Was sollen wir zuerst wiederbewaffnen? In welche Waffen sollen wir investieren? Auf diese Weise glauben wir, dass wir gesunde demokratische Debatten über Krieg und Frieden führen – aber das tun wir nicht. Nur sehr wenige Menschen stellen die Erzählung selbst in Frage: Müssen wir uns wirklich wiederbewaffnen?

Diejenigen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt über das verfügen, was in einer Gesellschaft als gesunder Menschenverstand gilt, üben enorme Macht aus, und derzeit konzentrieren sich diese Macht und das Geld in den meisten Ländern und in der Weltpolitik auf alles, was mit dem Militär zu tun hat. Die Logik des Krieges ist zur vorherrschenden Logik unserer Zeit geworden. (…)

Frieden, Diplomatie, Pazifismus, Kriegsdienstverweigerung, Gewaltlosigkeit, Antimilitarismus und andere Formen der Antikriegsarbeit werden als unvernünftig und im schlimmsten Fall als illoyal oder gefährlich dargestellt. (…)

Es liegt eine große Macht darin, uns als Bürger glauben zu machen, dass das, was eigentlich Kultur ist, Natur ist (…). Wir ärgern uns nicht über ein Erdbeben, denn es ist Natur. Wenn uns beigebracht wird, dass „es schon immer Krieg gegeben hat, Gewalt ist natürlich“, dann rebellieren die Bürger nicht.

Aber Krieg ist keine Naturkatastrophe. Krieg ist eine kulturelle Katastrophe. Die gute Nachricht ist daher, dass Krieg etwas ist, das wir vollständig beseitigen können.

In Ihrer Analyse heben Sie Gewaltlosigkeit und Pazifismus als zentrale Instrumente der Friedensarbeit hervor. Wie würden Sie Pazifismus im 21. Jahrhundert definieren, und wo sehen Sie Bereiche des Verständnisses oder Missverständnisses in der aktuellen Debatte? Wie sieht für Sie ein moderner, gesellschaftlich resonanter Pazifismus aus?

Wir müssen zunächst einmal die Begriffe neu definieren. Pazifismus und gewaltfreier Aktivismus werden oft miteinander verwechselt, als wären sie ein und dasselbe. In einigen Fällen kann dies auch zutreffen, da es natürlich viele Pazifisten gibt, die sich für gewaltfreien Aktivismus und aktiven Antimilitarismus engagieren und auch Kriegsdienstverweigerer sind. Aber die Realität ist komplizierter. Nicht einmal alle Pazifisten sind immer einer Meinung (…).

Die jungen Menschen von heute sind mit diesen Konzepten nicht mehr vertraut und wissen daher auch nichts über die vielen wichtigen Kämpfe, die durch Gewaltlosigkeit gewonnen wurden. Sie kennen weder die Methoden noch die vielen Helden der Geschichte, die fest in dieser Tradition standen, und sie sind auch nicht mit den intellektuellen Debatten, Dilemmata und Wissensbeständen vertraut, die damit verbunden sind. Das Ziel muss sein, dass man sich, wenn man sich für Gewaltlosigkeit und/oder pazifistische Methoden entscheidet, nicht zu einem Teil der Gesellschaft machen will, gegen die man überhaupt erst kämpft. Sich mit dem Recht auf Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen vertraut zu machen, kann für viele ein Ausgangspunkt sein.

Das häufigste Missverständnis ist, dass Pazifismus bedeutet, die weiße Flagge zu hissen und feige davonzulaufen und sich zu verstecken. Pazifismus war jedoch schon immer eine aktive Haltung, denn wer sich dafür entscheidet, stellt ein ganzes System eines militaristischen Nationalstaates in Frage.

Sie betonen, dass wir in einer Zeit zunehmender Militarisierung leben. Wie ist die aktuelle Situation in Norwegen? Was sind aus Ihrer Sicht die wirksamsten Strategien für Friedensbewegungen, um Militarisierung sozial und politisch herauszufordern – über bloße Appelle oder symbolische Erklärungen hinaus?

In Norwegen herrscht dieselbe Stimmung wie in den meisten anderen europäischen Ländern. Das Storting hat einstimmig eine parteiübergreifende Vereinbarung über die Aufrüstung in den nächsten zwölf Jahren getroffen, deren Kosten sich auf unglaubliche 139 Milliarden Euro belaufen. Eine Art Nebel des Krieges hängt sowohl über dem Parlament als auch über der öffentlichen Debatte. Dies hängt zum Teil mit dem zuvor erwähnten Narrativ zusammen. Die verwendete Sprache ist oft „hart” und „macho”, sei es bei der Beschreibung von Bedrohungsszenarien, bei Gesprächen über Waffen und Krieg oder bei der Erörterung der globalen Lage. Forderungen, das Tempo zu drosseln, über Diplomatie oder Abrüstung zu sprechen, finden wenig Gehör.

Ein allgemeines Problem besteht darin, dass Friedensarbeit meist auf freiwilliger Basis geleistet wird – es handelt sich um unbezahlte Arbeit, die Menschen neben ihren Vollzeitjobs verrichten –, was in Zeiten steigender Zinsen, hoher Preise und für viele Menschen stark steigender Lebenshaltungskosten eine enorme Belastung darstellt (…).

Wie sehen Sie die Rolle Ihres Essays nicht nur als eines analytischen Textes, sondern auch als eines Instruments zur Mobilisierung und politischen Bildung innerhalb der Friedensbewegung, beispielsweise für Gruppen wie die DFG-VK?

Eines der Ziele des Buches ist es, dem Leser durch Wissen Selbstvertrauen zu vermitteln – ihm bewusst zu machen, dass Pazifismus, Gewaltlosigkeit, Kriegsdienstverweigerung, Antimilitarismus und andere Formen der Friedensarbeit würdige Standpunkte sind, die auf einer jahrtausendealten Tradition beruhen und von Tausenden von Büchern und Denkern geprägt wurden, auf deren Schultern wir stehen. Diese Traditionen sind einfach aus unserem kollektiven Gedächtnis verschwunden, in einer Gegenwart, die in den militärisch-industriellen Komplex verstrickt ist und sich zu der Überzeugung verleiten lässt, dass die einfachste Lösung eine Waffe ist. Auf diese Weise wird das Buch selbst zu einem Werkzeug.

Zum Schluss: Wie sieht Ihre Vision einer Welt ohne Krieg konkret aus – nicht nur als Ideal, sondern als realistische Perspektive? Und was können wir heute tun, um diesem Ziel näherzukommen?

Wenn wir wieder aufrüsten wollen, könnten wir damit beginnen, die Vereinten Nationen wieder aufzurüsten. Trotz all ihrer Mängel und Unzulänglichkeiten sind sie immer noch eines der besten Dinge, die die Menschheit je geschaffen hat, und wir müssen dieses Juwel pflegen. Wir müssen anfangen, ehrlich miteinander und in der Öffentlichkeit zu sprechen. Zum Beispiel über die Tatsache, dass die Vereinigten Staaten, mit oder ohne Trump, mit ihrem völlig wahnsinnigen Militärbudget und 40 Prozent der weltweiten Militärressourcen, eine Gefahr für uns alle und für niemanden eine Sicherheit darstellen – nicht einmal für die Amerikaner, wie wir derzeit sehen, wo die ICE ihre eigenen Bürger verfolgt.

Wir müssen uns bewusst machen, dass es die Steuergelder der einfachen Menschen sind, die direkt in die derzeitige Aufrüstung fließen, und dass es die einfachen Menschen – vorzugsweise aus der Arbeiterklasse und den unteren Schichten – sind, die im Kriegsfall in die Schützengräben geschickt werden, um zu töten und zu sterben. Wir müssen uns organisieren, denn das Leben ist kostbar und dieser Planet ist der einzige, den wir haben.

REZENSION von Cornelia Mannewitz

Linn Stalsberg: Krieg ist Verachtung des Lebens

„Ein Buch zum Luftholen“ titelt der SWR. In der Tat, man atmet freier, wenn man inmitten der täglichen Kriegsnachrichten und Aufrufen zur Vorbereitung auf den „Ernstfall“ dieses Buch liest.

Die Autorin ist Norwegerin, Jahrgang 1971, Journalistin und Soziologin. Die Journalistin erkennt man an ihrer lebendigen Schreibe, die Soziologin an der Beweiskraft ihres Materials. Gleichzeitig ist das Buch sehr persönlich: „Es ist die Folge meiner eigenen Besorgnis und Angst in einer Zeit, in der sich die Staaten der Welt bis an die Zähne bewaffnen. Mein Ziel ist, zu zeigen, dass es andere Wege gibt, Konflikten zu begegnen, als mit Krieg und Waffengewalt“ (S. 20). Dafür unternimmt Linn Stalsberg nichts weniger als eine friedenspolitische Reise von den ersten dokumentierten Kriegsdienstverweigerern in Ägypten vor 4000 Jahren über geistige Strömungen und politische Umbrüche der Jahrhunderte bis in unsere Tage. Aber keine Angst vor nicht zu bewältigenden Bleiwüsten! Das Buch ist handlich, hebt Schlüsselmomente hervor, fasst zusammen und Begriffe ins Auge, die auch für uns sehr wichtig sind – etwa „Gewaltlosigkeit“, „Gewissen“. Wir sehen Erasmus von Rotterdam und Martin Luther einander gegenüberstehen – Letzteren mit der Aussage, Pazifismus sei naiv und Krieg so notwendig wie Essen und Trinken. Victor Hugo stellte sich ein zukünftiges pazifistisches Europa vor. Das Verhältnis zwischen Patriotismus und Nationalismus wird behandelt, ebenso wie Zusammenhänge, die auch uns klar sind, die wir aber noch viel zu selten bearbeiten: Friedensbewegung und Frauenbewegung, Krieg und Klima.    

Linn Stalsberg weist auf internationale Friedenskongresse hin, von denen im 19. Jahrhundert mehrere stattfanden. Wir lernen, dass nicht erst mit Bertha von Suttner alles begann *zwinker*, sondern mit dem Aufkommen der bürgerlichen Klasse schon viel früher Menschen sich gegen Kriegspolitik auf den Weg machten und versuchten, sich zu vernetzen – oppositionell, entgegen dem Zeitgeist, so mutig, wie das bald auch wieder von uns verlangt werden wird. So klingen dann auch die Forderungen an Politik und Gesellschaft, die Linn Stalsberg formuliert: Abrüstung, alternative Konfliktlösungen, Pazifismus als Lebensform. Dabei argumentiert sie nicht im luftleeren Raum; handfeste Kapitalismuskritik durchzieht ihr gesamtes Buch. Und doch endet sie mit der Erinnerung an ein Kirchenlied: das norwegische „Deilig er jorden“ („Schön ist die Erde“). Und führt uns die Lebens- und Leidensgeschichte seines Dichters in den europäischen Kriegen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor Augen, aus der sich ergibt, dass es ursprünglich ein Friedenslied war. Sein Titel allein ist ein Aufruf zum Genau-Hinsehen und Tätig-Werden; denn schön ist die Erde nur im Frieden.

Letztlich lohnt sich auch ein Blick ins Literaturverzeichnis: Neben deutschen und englischen Texten findet man dort auch viele norwegische, noch mehr in den Fußnoten. So oft hat man mit norwegischer Literatur ja nicht zu tun. Sie spiegelt sich natürlich auch im Buch wider.

Linn Stalsberg spannt einen weiten Bogen, belässt es aber nicht bei der Darstellung. Sie gibt auch nicht nur Deklarationen von sich. Sie informiert, beweist und aktiviert. Für sie ist sicher, dass wir etwas erreichen können, wenn wir uns entschlossen für den Frieden einsetzen. Kriegsdienstverweiger*innen werden dieses Buch mit besonderem Gewinn lesen.

Luftholen zum Durchatmen, aber auch zum Anlauf-Nehmen: Bei beidem hilft dieses Buch.

Linn Stalsberg: Krieg ist Verachtung des Lebens. Ein Essay über den Frieden. Kommode-Verlag, Zürich 2025. 312 S., 24 €. ISBN 978-3-905574-63-0.

*ENGLISH VERSION*

You describe war as a “contempt for life” — not merely as a political instrument, but as a societal phenomenon. Which structural mechanisms do you consider most important in reproducing war as a “normal” part of politics, and how can peace movements work to uproot them?

To answer this, we have to understand how something becomes established as “common sense” in a society, and that means we must begin by distinguishing between a narrative and a story. A narrative is the overarching framework within which all the other stories take place. For example, the overarching framework of our time is: We simply have to rearm! In other words, a militaristic ideology that permits the militarization of our society. Within this framework there are many stories: How much should we rearm? What should we rearm first? Which weapons should we invest in? In this way, we believe we are having healthy democratic debates about war and peace—but we are not. Very few people challenge the narrative itself: Do we really have to rearm?

Those who at any given time manage what counts as common sense in a society wield enormous power, and right now that power and the money are concentrated in everything military, in most countries and in global politics. The logic of war has become the dominant logic of our time.

We know the concept of hegemony from the Italian socialist Antonio Gramsci, who was imprisoned under Mussolini in the 1930s. He appears in my book, because if we understand him, we find the answer to your question. Gramsci described how an elite can gain cultural and ideological power not through violence and coercion, but by shaping what most people perceive as common sense—what is considered “realistic,” what simply is. When a worldview establishes hegemony, alternatives come to seem unrealistic, naïve, or utopian. This means that alternatives to the logic of war are not received as worthy countervoices in public debate, but rather as oddities measured against what is considered rational.

Peace, diplomacy, pacifism, conscientious objection, nonviolence, antimilitarism, and other forms of anti-war work are portrayed as unreasonable, and at worst as disloyal or dangerous. Gramsci sought to understand how certain ideas in a society establish themselves as reason, so that some discussions are not between equal opinions clashing with one another. Instead, one side manages what is regarded as so rational and ordinary that the other side is thereby cast as the naïve clown in the debate.

Part of the project of my book is to help the reader find confidence and calm in recognizing that this other position is safe, dignified, and has its intellectual traditions, its histories, its victories, losses, and dilemmas.

There is great power in getting us, as citizens, to believe that what is actually culture is nature—something Gramsci also wrote about. That is how elites preserve their power. We do not get angry at an earthquake; it is nature. If we are taught that “there has always been war, violence is natural,” then citizens do not rebel.

But war is not a natural disaster. War is a cultural disaster. The good news, therefore, is that war is something we can eliminate entirely.

In your analysis, you highlight nonviolence and pacifism as central tools of peace work. How would you define pacifism in the 21st century, and where do you see areas of understanding or misunderstanding in the current debate? What does a modern, socially resonant pacifism look like to you?

We must begin by reacquainting ourselves with the concepts. Pacifism and nonviolent activism are often conflated, as if they were one and the same. In some cases they can be, since there are of course many pacifists who engage in nonviolent activism, active antimilitarism, and who are also conscientious objectors. But the reality is more complicated than that. Not even one pacifist always agrees with another pacifist.

There are pacifists who would not use weapons themselves for personal reasons, but who may still support a military institution in other ways—for example financially or as medical personnel. Then there are other pacifists who consider this position insufficiently principled. There are pacifists who wish to withdraw from all forms of action where violence might arise, but there are also those who are willing to stand on the front lines or otherwise sacrifice their lives for a cause, without themselves using violence.

There are nonviolent activists who do not consider themselves pacifists, either because they believe pacifism is too passive a stance to take, or because they believe that certain forms of violence—for example sabotage—can in some cases be legitimate. Then there are nonviolent activists who believe that all violence is unacceptable, including sabotage that destroys infrastructure, buildings, or nature. It is important to remember that pacifists are realpolitik actors like everyone else, meaning that situations can arise in which there are no other options than to use violence. This does not mean, however, that the ideals disappear, or that the idea of resolving conflicts through nonviolence and the goal of a pacifist future without violence cease to exist.

Young people today are no longer familiar with these concepts, and therefore also do not know about the many important struggles that have been won through nonviolence. They do not know the methods, they are unaware of the many heroes in history who stood firmly in this tradition, and they are also unfamiliar with the intellectual debates, dilemmas, and bodies of knowledge that surround it. The goal must be that, when choosing nonviolence and/or pacifist methods, one does not wish to become part of the very society one is fighting against in the first place. Becoming familiar with the right to conscientious objection may be a starting point for many.

The most common misunderstanding is that pacifism is waving a white flag and run away hiding, cowardly. But pacifism has always been an active position to undertake, by choosing this you challenge an whole system of a militaristic national state.

You emphasize that we are living in a time of increasing militarization. What is the current situation in Norway? From your perspective, what are the most effective strategies for peace movements to challenge militarization socially and politically — beyond mere appeals or symbolic statements?

In Norway, the mood is the same as in most other European countries. A unified Storting has entered into a cross-party agreement on rearmament over the next twelve years, for staggering sums—€139 billion. A kind of fog of war hangs over both parliament and the public debate. This is partly about the narrative I mentioned earlier. The language used is often “tough” and “macho,” whether in describing threat scenarios, talking about weapons and war, or discussing the global situation. Calls to slow things down, to talk about diplomacy or disarmament, have little traction.

But positive things are happening: more and more people seem to be alarmed by the very idea of rearmament itself, both out of concern for climate and the environment and for welfare. Just recently, trade unions have finally begun to speak up on this issue and are asking for lectures on militarism. I’ve been waiting for this for two years, and I’m relieved. It is within trade unions that ordinary people truly have the power to change things.

A general problem is that peace work is mostly carried out on a voluntary basis—it is unpaid labor people do alongside other full-time jobs—and this is extremely demanding at a time of rising interest rates, high prices, and soaring living costs for many. I have become very focused on money. Peace work is real work: it requires time to engage deeply with analysis, as well as practical efforts in organizing, research, and advocacy. Quite simply, we need to develop models that allow some people to work full-time on this, and thereby gain power and influence.

How do you see the role of your essay not only as an analytical text, but also as a tool for mobilization and political education within the peace movement, for example for groups like the DFG-VK?

One of the aims of the book is to give the reader confidence through knowledge—to know that pacifism, nonviolence, conscientious objection, antimilitarism, and other forms of peace work are dignified positions to stand in, with thousands of years of practice and thousands of books and thinkers whose shoulders we stand on. These traditions have simply slipped out of our collective memory in a present that is entangled in the military-industrial complex and has allowed itself to be led to believe that the simplest solution is a gun. In this way, the book itself becomes a tool.

You have said that your book aims to build bridges between different debates. Which bridges do you consider most important — for example between pacifism and feminism, or between antimilitarism and climate justice — and how can initiatives make practical use of these connections?

My political background comes from the social movements of the early 2000s, when groups across different movements demonstrated together against the World Bank’s structural adjustment programs, economic inequality, unjust trade agreements, and discrimination and racism within and between countries. This culminated in the world’s largest anti-war demonstration in 2003 against the U.S. attack on Iraq. After that defeat, however, some of the momentum drained from a weary movement that had lost on many fronts and then went straight into a financial crisis shortly afterward.

But the lesson remains that different movements must come together and understand that most people, across borders, have far more in common. We simply want to live ordinary lives with food on the table, healthcare, security, and freedom—and that the enemy is not other people like us, but the richest and most powerful among us, as well as the capitalist system that demands endless growth from multinational corporations and nations, competition with one another, and, as a consequence, the destruction of climate and nature.

 Finally: What does your vision of a world without war actually look like — not only as an ideal, but as a realistic perspective? And what can we do today to move closer to it?

If we are going to rearm, we could start by rearming the United Nations. With all its flaws and shortcomings, it is still one of the finest things humanity has ever created, and we must take care of this jewel. We need to start speaking truthfully about things—to one another and in public. Such as the fact that the United States, with or without Trump, with its utterly insane military budget and 40 percent of the world’s military resources, is a danger to us all and security for no one—not even for Americans, as we are now seeing, with ICE pursuing its own people.

We also cannot boast about “our values” while a genocide is unfolding in Gaza, actively supported by our countries and our allies, or when demonstrators in our own streets—where we pride ourselves on freedom of expression—are violently cracked down on and arrested. We must demand debates and large conferences on multilateral disarmament now. We must work much harder to ban nuclear weapons in all countries; the mere fact that they exist, and that we have become accustomed to this, is a complete crisis.

We need to understand that it is ordinary people’s tax money that is going straight into the rearmament now taking place, and that it is ordinary people—preferably from the working and lower classes—who will be sent into the trenches to kill and die if war comes. We must organize ourselves, because life is precious and this planet is the only one we have.

Kategorie: Zivilcourage

20.03.2026

Ukrainischer Kriegsdienstverweigerer Yurii Sheliazhenko inhaftiert

HINWEIS: Nach uns vorliegenden Informationen wurde Yurii Sheliazhenko zwischenzeitlich aus der Haft entlassen und hat seine Erlebnisse dokumentiert. Wir stehen im Kontakt und fordern ein Ende der Repressionen gegen ihn.

Gestern, am 19. März 2026, wurde der ukrainische Kriegsdienstverweigerer Yurii Sheliazhenko in Kyjiw in Haft genommen. Nun droht ihm die Zwangsrekrutierung durch das ukrainische Militär.

Nach den uns vorliegenden Informationen wurde Yurii von Beamten der Bezirkspolizei Pechersk in Kyjiw ohne ordnungsgemäße Rechtsgrundlage und unter Missachtung der nach ukrainischem Recht vorgeschriebenen Verfahrensregeln festgenommen. Er wurde bereits seit längerer Zeit bedroht. Insbesondere gibt es Hinweise darauf, dass:

  • kein Festnahmeprotokoll erstellt wurde;
  • keine eindeutigen rechtlichen Gründe für den Freiheitsentzug angegeben wurden;
  • der Zugang zu einem Rechtsbeistand behindert wurde;
  • der Kontakt zum ukrainischen Staatlichen Ermittlungsamt wurde behindert;
  • er wurde ohne ordnungsgemäßes rechtliches Verfahren in ein Territoriales Zentrum für Rekrutierung und soziale Unterstützung (TCC) überstellt oder solle dorthin überstellt werden.

Wir weisen darauf hin, dass eine etwaige Beteiligung des TCC die Verantwortung der Strafverfolgungsbeamten für den ursprünglichen Freiheitsentzug nicht ausschließt. Diese Handlungen können Verstöße gegen die Verfassung der Ukraine und die Europäische Menschenrechtskonvention darstellen, insbesondere gegen Artikel 5 (Recht auf Freiheit und Sicherheit) sowie gegen Artikel 9 des Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR).

Yurii bekennt sich bereits seit 1998 zu seiner Kriegsdienstverweigerung, ist Pazifist und Menschenrechtsverteidiger. Er ist zudem Wissenschaftler, Geschäftsführer der Ukrainischen Pazifistischen Bewegung (Mitgliedsorganisation von War Resisters International), Direktor des Instituts für Frieden und Recht in der Ukraine sowie Vorstandsmitglied des Europäischen Büros für Kriegsdienstverweigerung und von World Beyond War. 2024 haben wir Yurii mit dem 2024 mit dem Ludwig-Baumann-Preis unseres Carl-von-Ossietzky-Solidaritätsfonds ausgezeichnet.

Wir, die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), protestieren gegen die Inhaftierung Yuriis, fordern seine sofortige Freilassung und einen unverzüglichen Stopp aller Maßnahmen zur Zwangsrekrutierung des Militärs! Free Yurii!

Bei Fragen nehmen Sie bitte jederzeit Kontakt zu uns auf:

Michael Schulze von Glaßer (pol. Geschäftsführer der DFG-VK): svg@dfg-vk.de

Kategorie: Aktuelle Kriegsgebiete, Anti-Militarisierung, Kriege & Konflikte, Kriegsdienstverweigerung, Kriminalisierung von Kriegsgegner*innen, Pazifismus und Antimilitarismus, Theorie & Praxis Stichworte: Ukraine, Ukrainische Pazifistische Bewegung, Yurii Sheliazhenko

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