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Musterung

06.10.2026

Mehr als 12.000 KDV-Anträge: Immer mehr Menschen verweigern den Kriegsdienst

Die Zahl der Kriegsdienstverweigerungen steigt massiv: Allein von Januar bis August 2026 sind beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben (BAFzA) 12.102 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung eingegangen. Das berichtet das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Damit haben schon nach acht Monaten mehr als dreimal so viele Menschen einen KDV-Antrag gestellt wie im gesamten Vorjahr. Unter den Antragsteller*innen befinden sich vor allem „Ungediente“ aber auch Reservist*innen und aktive Soldat*innen.

Die tatsächliche Zahl der bereits gestellten KDV-Anträge dürfte allerdins noch höher liegen. Denn die Zahlen des BAFzA erfassen nur die dort bereits eingegangenen Anträge. Der Antrag auf Kriegsdienstverweigerung wird zunächst beim Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr eingereicht und anschließend an das BAFzA weitergeleitet.

Für die DFG-VK ist der massive Anstieg auch ein deutliches politisches Signal: Während Milliarden in Aufrüstung fließen, die Bundeswehr personell vergrößert werden soll und weiter über verpflichtende Modelle diskutiert wird, entscheiden sich immer mehr Menschen bewusst gegen den Dienst an der Waffe.

Wer nicht bereit ist, andere Menschen zu töten oder sich für Krieg und militärische Aufrüstung einspannen zu lassen, hat das Recht zu verweigern. Das Recht auf Kriegsdienstverweigerung ist durch Artikel 4 Absatz 3 des Grundgesetzes geschützt.

Die DFG-VK unterstützt deshalb Menschen dabei, von diesem Grundrecht Gebrauch zu machen. Wir informieren über das Verfahren, helfen bei Fragen zum KDV-Antrag und bieten Beratung bei der persönlichen Begründung der Gewissensentscheidung.

Du willst den Kriegsdienst verweigern? Informiere dich jetzt, stelle deinen Antrag oder lass dich bei uns beraten!

Bei Fragen nehmen Sie bitte jederzeit Kontakt zu uns auf:

Yannick Kiesel (kom. pol. Geschäftsführer):
kiesel@dfgvk.de
01578/3452092

Kategorie: Allgemein, Anti-Militarisierung, Bundeswehr abschaffen, Kriegsdienstverweigerung, Rekrutierung der Bundeswehr Stichworte: Bundeswehr, KDV, Kriegsdienst, Kriegsdienstverweigerung, Musterung, Wehrpflicht

04.10.2026

Das war UNZWINGBAR!

Was für ein starkes Zeichen: Mehr als 20.000 überwiegend junge Menschen kamen am 2. Oktober vor dem Brandenburger Tor in Berlin zusammen, um bei UNZWINGBAR – Kein Bock auf Krieg und Wehrpflicht! gemeinsam gegen Aufrüstung, Militarisierung und die drohende Wehrpflicht zu protestieren.

Als DFG-VK haben wir die Konzertkundgebung gemeinsam mit zahlreichen Organisationen und Aktiven auf die Beine gestellt. Besonders gefreut hat uns, wie viele junge Menschen ihre Stimme erhoben haben – für das Recht auf Kriegsdienstverweigerung, gegen die Rekrutierung Minderjähriger und für Investitionen in Bildung, Gesundheit und Soziales statt in immer mehr Rüstung. Auch unser Bundessprecher Jürgen Grässlin berichtete auf der Bühne von seinem eigenen Weg vom Wehrdienst zur Kriegsdienstverweigerung und zum pazifistischen Engagement.

Mit Musik unter anderem von K.I.Z, Disarstar, Dritte Wahl, Guterzogene Asis und I’m DMA, politischen Redebeiträgen und einem breiten Bündnis wurde UNZWINGBAR zu einem Abend, der gezeigt hat: Eine Generation, die nicht für Krieg und Aufrüstung zur Verfügung stehen will, ist nicht allein. Wir sind unzwingbar!

Einen ausführlichen Rückblick mit vielen Eindrücken, Stimmen und Bildern von der Kundgebung gibt es bei Ohne Rüstung Leben:

Große Bühne für Protest gegen Aufrüstung und Wehrpflicht: Mehr als 20.000 bei UNZWINGBAR

Hier findest du die Rede unseres Bundessprechers Jürgen Grässlin vom 2.10.2026 (und hier als Aufzeichnung auf Youtube):

„Bleibt stark und unzwingbar!“ 

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde!

Mein Name ist Jürgen Grässlin, ich bin Bundessprecher der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen, DFG-VK.

Hallo, ihr jungen Menschen, die ihr als Kanonenfutter in den nächsten Krieg ziehen sollt, wenn es nach dem Willen der Bundesregierung geht!

Hallo, ihr jungen Menschen, die ihr aufgrund der Umweltzerstörungspolitik fossiler Konzerne und ihrer Politiker zielstrebig in die Klimakatastrophe hineinsteuert!

Hallo, ihr jungen Menschen, die ihr schweigend ertragen sollt, dass die Bundeswehr und die Rüstungsindustrie in Deutschland mit Hunderten Milliarden Euro hochgerüstet werden.

Hallo, ihr jungen Menschen, die ihr in den kommenden Jahrzehnten den riesigen Schuldenberg abbauen sollt, den die Bundesregierung euphemistisch als „Sondervermögen“ schönredet.

Hallo, ihr jungen Menschen, die ihr – wie wir alle – schweigend ertragen sollen, dass die finanziellen Zuwendungen für die Bildung, die Kultur, die Pflege, die Gesundheit und für eure Rente drastisch abgebaut werden.

Ich frage euch: Wollt ihr diese unglaublichen Fehlsteuerungen wirklich stillschweigend hinnehmen?

  • NEIN – denn ihr habt eingeladen zur „Unzwingbar“-Kundgebung am heutigen 2. Oktober 2026 am Brandenburger Tor in Berlin!
  • NEIN – denn ihr habt keinen Bock auf Krieg und Wehrpflicht!
  • NEIN – denn ihr setzt der Aufrüstung und Militarisierung dieses sensationelle Kultur- und Politikevent entgegen! 

Gratulation zu eurer aufrechten Haltung!

Liebe Friedensfreundinnen und Friedensfreunde!

Viele von euch wird es überraschen: Zur Zeit des Kalten Krieges war ich Soldat der Bundeswehr. Ich wurde ausgebildet am Gewehr von Heckler & Koch. Mein erster Tag auf dem Schießplatz entwickelte sich zu einem dramatischen Schlüsselerlebnis. Denn damals lautete der Tagesbefehl: „Wir üben heute das Kopfschusstraining an Chinesen. An diesem Tag wurde ich Pazifist. Ich weigerte mich zu schießen. Ich weigere mich bis heute, erst auf Zielscheiben zu schießen und danach auf Menschen. Ja, Russland hat mit dem militärischen Einmarsch der Ukraine Völkerrecht gebrochen. Aber auch die USA, der NATO-Partner Türkei und der NATO-Freund Israel brechen massiv und wiederholt Völkerrecht. 

  • Schande über diese Bundesregierung, die auf einem Auge blind ist und einseitig das Feindbild Russland pflegt! 
  • Schande über diese Bundesregierung, die euch junge Menschen in den nächsten Krieg zwingen will. 

Das Gute an alledem aber ist: Ihr verweigert euch! Und ihr informiert andere über die Website verweigern.info

Ihr weigert euch, für Politiker den Kopf hinzuhalten, die Deutschland kriegstüchtig machen!

In diesem Sinne ist es richtig und wichtig, dass ihr euch mit Schulstreiks und eurer Kriegsdienstverweigerung gegen jegliche Form von Zwangsdiensten verwahrt! Und dass ihr dem Rüstungswahn aktiv entgegentretet! 

Ja, bleibt stark und unzwingbar!

Wir, die DFG-VK und viele weitere Organisationen der Friedensbewegung, unterstützen euch mit aller Kraft dabei – heute, und auch in der Zukunft! Denn – anders als Politiker und Rüstungsmanager – haben wir eine positive Vision:

Die Vision einer friedlichen und solidarischen Welt!

Die Vision einer gerechten und ökologisch gesunden Welt!

Und damit die Vision einer besseren Welt!

Lasst uns gemeinsam diese bessere Welt erschaffen! 

Jürgen Grässlin ist Bundessprecher der der Deutschen Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK) und lebt in Freiburg.


Hier findet ihr weitere Eindrücke der UNZWINGBAR-Kundgebung:

Bei Fragen nehmen Sie bitte jederzeit Kontakt zu uns auf:

Yannick Kiesel (kom. pol. Geschäftsführer):
kiesel@dfgvk.de
01578/3452092

Kategorie: Allgemein, Anti-Militarisierung, Bundeswehr abschaffen, Kriegsdienstverweigerung, Rekrutierung der Bundeswehr Stichworte: Aufrüstung, Bundeswehr, Musterung, Wehrpflicht

03.10.2026

UNZWINGBAR: Große Bühne für Protest gegen Aufrüstung und Wehrpflicht

Berlin, 2.10.26 – Mehr als 20.000 Teilnehmende bei Unzwingbar-Kundgebung vor dem Brandenburger-Tor mit K.I.Z, Disarstar und Martin Sonneborn

Die Konzertkundgebung „Unzwingbar – Kein Bock auf Krieg und Wehrpflicht“ am 2. Oktober 2026 in Berlin hat ein starkes Zeichen für Zusammenhalt, gegen Aufrüstung und gegen die Wehrpflicht gesetzt. Mehr als 20.000 zumeist junge Menschen haben vor dem Brandenburger Tor in den Abend hinein zu Musik von K.I.Z, Disarstar, Dritte Wahl, Goldie 333 und Mieze getanzt und protestiert. Bis nach 21 Uhr wurde der Platz vor dem Brandenburger Tor immer noch voller.

Viele Teilnehmende trugen Schilder, auf denen sie unter anderem eine Stärkung von Bildung, Gesundheit und Sozialstaat statt blinder Aufrüstung forderten. Die Redebeiträge, die die Militarisierung in vielen Bereichen der Gesellschaft kritisierten, eine lebenswerte Zukunft für junge Menschen einforderten und eindringliche Zeugnisse von Verweigerung des Militärdienstes ablegten, wurden mit Begeisterung aufgenommen.

„Der breite Protest unter dem Motto ‚Unzwingbar‘ zeigt: Die jungen Menschen in diesem Land wollen keine Generation Wehrpflicht sein. Sie wollen nicht zum Töten ausgebildet werden“, sagt Annegret Krüger vom Netzwerk Friedenskooperative. „Hinter unserer Kundgebung steht ein breites Bündnis von Gruppen und Organisationen – von Friedensgruppen über Organisationen aus den Bereichen Seenotrettung, Klima und Gewerkschaften bis hin zu Jugendorganisationen und Schulstreikgruppen. Uns eint das Ziel, uns deutlich sichtbar gegen die Politik der Militarisierung zu stellen!“

Die Musiker*innen machten auf der Bühne starke Statements gegen Krieg und Wehrpflicht – darunter Disarstar („Meine Söhne geb‘ ich nicht“) und K.I.Z („Frieden“). Besonders symbolträchtig waren die Auftritte der Rostocker Band Dritte Wahl, die schon zu DDR-Zeiten ein Lied gegen die NVA geschrieben hatte, und des russischen DJs I’m DMA, der gemeinsam mit der deutschen Band „Guterzogene Assis“ performte, um zu zeigen, dass sie „lieber gemeinsam Musik machen wollen, als aufeinander zu schießen“.

„Das war die deutschlandweit erste Konzertkundgebung gegen die Wehrpflicht – und ein spektakulärer Brückenschlag: Junge Menschen und etablierte Gruppen aus verschiedenen Spektren haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam drängende friedens- und gesellschaftspolitische Forderungen auf die Straße zu tragen. Gleichzeitig sind wir dankbar dafür, dass die Musiker*innen unsere Idee auf so großartige Weise und ohne Honorar unterstützt haben. Ich denke, wir konnten heute zeigen, dass wichtiges politisches Engagement auch Spaß machen kann“, sagt Annegret Krüger.

Redebeiträge unter: https://www.unzwingbar.de/#programm

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23.09.2026

Offener Brief zu Verbrechen von Ayotzinapa & illegal exportierten deutschen Waffen

Zum 12. Jahrestag des gewaltsamen Verschwindens von 43 Lehramtsstudenten in Mexiko fordern Aktion Aufschrei und andere Organisationen, dass das Land Baden-Württemberg Verantwortung für die Folgen illegaler Waffenexporte nach Mexiko übernehmen soll.

An den Herrn Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg Herrn Cem Özdemir: Bitte um Förderung von Mechanismen gesellschaftlicher Wiedergutmachung für die von den illegalen G36-Gewehrexporten nach Mexiko betroffenen Familien und Gemeinden im Rahmen des Strafverfahrens gegen Heckler & Koch

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident,

die unterzeichnenden zivilgesellschaftlichen Organisationen aus Mexiko und Deutschland wenden sich an Sie mit der Bitte, über das Justizministerium des Landes Baden-Württemberg gegenüber den zuständigen Behörden – insbesondere gegenüber der Staatsanwaltschaft Stuttgart als für die Vollstreckung des rechtskräftigen Urteils des Landgerichts Stuttgart vom 21. Februar 2019 zuständige Behörde – die Prüfung und Förderung von Mechanismen gesellschaftlicher Wiedergutmachung für die von den illegalen Exporten von G36-Sturmgewehren nach Mexiko betroffenen Familien anzustoßen.

Wir sind der Auffassung, dass die aus dem Heckler & Koch-Strafverfahren hervorgegangenen Mittel im rechtlich möglichen Rahmen auch dazu beitragen sollten, den menschlichen und gesellschaftlichen Folgen dieser illegalen Exporte in Mexiko Rechnung zu tragen. Hierzu schlagen wir vor, Mechanismen zu prüfen, die es ermöglichen, die betroffenen Personen, Familien und Gemeinden in Mexiko und die sie begleitenden mexikanischen zivilgesellschaftlichen Organisationen zu unterstützen.

1. Kontext in Mexiko: Die menschlichen Folgen der illegalen Waffenexporte und die Forderungen der betroffenen Familien

Die illegalen Exporte von G36-Sturmgewehren von Heckler & Koch nach Mexiko fanden in einem Kontext erheblicher Risiken von Menschenrechtsverletzungen und einer tiefgreifenden Krise von Gewalt und Straflosigkeit in verschiedenen Regionen des Landes statt.

Was den illegalen Waffenhandel nach Mexiko betrifft, so haben internationale Organisationen[1] und zivilgesellschaftliche Organisationen wie das Menschenrechtszentrum Miguel Agustín Pro Juárez (Centro Prodh)[2] ausführlich dokumentiert, wie der unkontrollierte Einsatz dieser Waffen bei den Opfern bleibende Folgen hinterlässt, die zudem mit der im Land vorherrschenden weit verbreiteten Straflosigkeit zu kämpfen haben.

Ein kritisches Spiegelbild dieser Realität zeigte sich in der Nacht des 26. September 2014 im „Fall Ayotzinapa“[3]. Zu den Organisationen, die die Familien begleiten, gehören das Centro Prodh und das Menschenrechtszentrum der Berge „Tlachinollan“. In dieser Nacht wurden 43 junge Studenten verschleppt, 6 Menschen hingerichtet und mehr als 40 verletzt. In diesem Fall wurde der Einsatz von illegal exportierten G36-Sturmgewehren der Firma Heckler & Koch (H&K) festgestellt. Obwohl die deutschen Vorschriften den Export von Waffen in den Bundesstaat Guerrero aufgrund der dortigen schweren Menschenrechtsverletzungen untersagten, befanden sich 99 Gewehre dieses Herstellers im Bestand der örtlichen Polizei, und mindestens drei davon wurden in jener Nacht auf die Studenten abgefeuert.

Zu den Angegriffenen gehört der Student Aldo Gutiérrez Solano[4], der in der Nacht der Ereignisse einen Schuss in den Kopf erhielt.[5] Zwar lässt sich aufgrund der mangelhaften Sicherung des Tatorts nicht mit Sicherheit feststellen, ob der Schuss aus einer H&K-Waffe stammte, doch leidet er bis heute unter den Folgen dieses Angriffs auf seine Person, da er sich in einem vegetativen Zustand befindet und kontinuierlich spezialisierte Pflege benötigt.

Angesichts dessen haben zivilgesellschaftliche Organisationen und die Familien versucht, die menschlichen Kosten dieses illegalen Handels sichtbar zu machen; so reiste Leonel Gutiérrez – Aldos Bruder – im September 2018 in Begleitung des Centro Prodh nach Deutschland, um dem Strafprozess gegen Führungskräfte von H&K beizuwohnen und die menschlichen Kosten dieses illegalen Handels sichtbar zu machen.[6]

Die betroffenen Familien sehen sich weiterhin mit enormen Hindernissen konfrontiert, wenn es darum geht, Zugang zu Wahrheit, Gerechtigkeit, umfassender Wiedergutmachung und Garantien zur Verhinderung einer Wiederholung zu erhalten. Viele von ihnen benötigen dauerhafte rechtliche, psychosoziale und gemeinschaftliche Begleitung sowie Unterstützung, um ihre Prozesse der Suche nach Gerechtigkeit, Erinnerung und des Wiederaufbaus der Gemeinschaft zu stärken. Zudem leiden die Familien der direkten Opfer unter schweren gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die auf die Ereignisse vom 26. und 27. September 2014 zurückzuführen sind.

Als zivilgesellschaftliche Organisationen betonen wir daher die menschenrechtlichen Folgen, die der Waffenhandel aufgrund der mangelnden Rechenschaftspflicht des Staates und des Unternehmens hinsichtlich ihrer internationalen Verpflichtungen mit sich bringt.

Gleichzeitig erkennen wir an, dass die Folgen illegaler Waffenexporte nicht ausschließlich unter dem Gesichtspunkt der Verantwortung eines Unternehmens analysiert werden können. Wenn über die Auswirkungen dieser illegalen Praxis gesprochen wird, müssen die konkreten Folgen aus menschenrechtlicher Perspektive berücksichtigt werden. Bereits während des Prozesses haben viele der unterzeichnenden Organisationen immer wieder auf die gravierende Leerstelle hingewiesen, dass die Opfer dieser verantwortungslosen Exportpraxis im gesamten Verfahren zu keinem Zeitpunkt berücksichtigt wurden.

Daher sind wir der Ansicht, dass das Ergebnis dieses Gerichtsverfahrens in Deutschland zumindest teilweise direkt zu Wiedergutmachungsprozessen für die betroffenen Personen und Gemeinden beitragen sollte. Daher bitten wir um die Förderung von Mechanismen zur Unterstützung von Projekten, die folgende Ziele verfolgen:

  • Psychosoziale und gesundheitliche Unterstützung für betroffene Gemeinschaften, insbesondere in Fällen, in denen dokumentiert ist, dass illegal exportierte Waffen eingesetzt wurden, wie im sogenannten Ayotzinapa-Fall.
  • Dokumentation und Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen.
  • Die Förderung von Garantien zur Verhinderung einer Wiederholung sowie einer Kultur der Verantwortlichkeit im internationalen Waffenhandel.

Eine Initiative dieser Art würde ein wichtiges Signal der Verantwortung und des Engagements für die Menschenrechte senden und dazu beitragen, dass die Folgen des illegalen Waffenexports nicht ausschließlich auf diejenigen lasten, die bereits unter deren Auswirkungen gelitten haben.

2. Rechtlicher Kontext und Möglichkeiten zur Förderung von Mechanismen gesellschaftlicher Wiedergutmachung

Das Landgericht Stuttgart hat am 21. Februar 2019 ein rechtskräftiges Urteil im Zusammenhang mit den illegalen Exporten von G36-Sturmgewehren des Unternehmens Heckler & Koch nach Mexiko gesprochen.

Als Ergebnis des Strafverfahrens wurden gegen das Unternehmen finanzielle Sanktionen verhängt. Heckler & Koch hat im Mai 2026 eine Zahlung von etwa 3,7 Millionen Euro an den deutschen Staat als strafrechtliche Sanktion geleistet.

Uns ist bewusst, dass das Urteil des Landgerichts Stuttgart keine direkte Entschädigung der betroffenen Personen und Gemeinden vorsieht. Daher ergibt sich aus dem Urteil keine automatische Verpflichtung, diese Mittel unmittelbar an die Opfer weiterzuleiten.

Gerade aus diesem Grund halten wir es für notwendig, dass das Land Baden-Württemberg die bestehenden rechtlichen und politischen Möglichkeiten prüft, damit die aus diesem Verfahren hervorgegangenen Mittel auch zu gesellschaftlichen Wiedergutmachungsprozessen zugunsten der betroffenen Menschen in Mexiko beitragen können.

Die Staatsanwaltschaft Stuttgart als zuständige Vollstreckungsbehörde sowie das Justizministerium Baden-Württemberg spielen eine zentrale Rolle bei der Bewertung der bestehenden Möglichkeiten und bei der Suche nach Lösungen, die mit dem geltenden Rechtsrahmen vereinbar sind und dem öffentlichen Interesse dienen.

Daher bitten wir die Landesregierung Baden-Württemberg:

  1. Über das Justizministerium eine rechtliche und politische Prüfung der bestehenden Möglichkeiten einzuleiten, um Mechanismen gesellschaftlicher Wiedergutmachung im Zusammenhang mit dem Heckler & Koch-Strafverfahren zu entwickeln, die auf die Unterstützung der betroffenen Personen und Gemeinden in Mexiko ausgerichtet sind.
  2. Einen Dialog mit mexikanischen und deutschen zivilgesellschaftlichen Organisationen anzustoßen, um transparente, überprüfbare und geeignete Mechanismen zu identifizieren, durch die diese Unterstützung in Projekte mit unmittelbarer Wirkung für die betroffenen Menschen und Gemeinschaften gelenkt werden kann.
  3. Für den Fall, dass eine direkte Übertragung an die betroffenen Familien rechtlich nicht möglich wäre, sollten Alternativen geprüft werden, mit denen Projekte entwickelt werden können, die den betroffenen Gemeinden unmittelbar zugutekommen.
  4. Öffentlich über die ergriffenen Maßnahmen zur Prüfung dieses Anliegens sowie über die bestehenden Möglichkeiten zu informieren, damit die aus diesem Verfahren hervorgegangenen Mittel zur Stärkung von Prozessen gesellschaftlicher Wiedergutmachung und der Menschenrechte beitragen können.

Das Urteil des Landgerichts Stuttgart stellte einen wichtigen Präzedenzfall hinsichtlich der unternehmerischen Verantwortung im internationalen Waffenhandel dar. Die Förderung von Mechanismen gesellschaftlicher Wiedergutmachung zugunsten der betroffenen Menschen würde ermöglichen, dass die Folgen dieses Gerichtsverfahrens auch über den strafrechtlichen Bereich hinaus positive Wirkung entfalten und zur Stärkung der Menschenrechte beitragen.

Wir danken Ihnen für die Prüfung unseres Anliegens und stehen für einen Dialog mit den zuständigen Behörden über mögliche Wege der Umsetzung gerne zur Verfügung.

Mit freundlichen Grüßen

Unterzeichnende Organisationen

  • Centro Prodh / Centro de Derechos Humanos Miguel Agustín Pro Juárez
  • Centro de Derechos Humanos de la Montaña Tlachinollan
  • Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko
  • European Center for Constitutional and Human Rights (ECCHR)
  • Ohne Rüstung Leben
  • Pax Christi/Deutsche Sektion sowie Pax Christi Kommission Rüstungsexport
  • RüstungsInformationsBüro (RIB)
  • Informationsstelle Militarisierung (IMI)
  • Kampagne Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel!
  • Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (Bundesverband)
  • Dachverband Kritische Aktionärinnen und Aktionäre

Einzelperson: Holger Rothbauer, Rechtsanwalt

Bei Fragen nehmen Sie bitte jederzeit Kontakt zu uns auf:

Yannick Kiesel (kom. pol. Geschäftsführer):
kiesel@dfgvk.de
01578/3452092

Kategorie: Allgemein, Anti-Militarisierung, Bundeswehr abschaffen, Kriegsdienstverweigerung, Rekrutierung der Bundeswehr Stichworte: Aufrüstung, Bundeswehr, Musterung, Wehrpflicht

22.09.2026

Bundesregierung zum neuen Wehrdienst: Keine Bußgelder, hohe Untauglichkeitsquote und offene Fragen bei der Umsetzung

Seit Anfang 2026 gilt das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz. Damit wurden neue Erfassungsstrukturen für den Wehrdienst geschaffen: Junge Menschen erhalten Fragebögen der Bundeswehr, Männer müssen diese verpflichtend beantworten. Ab 2027 soll zudem die verpflichtende Musterung für Männer des Jahrgangs 2008 und jünger greifen.

Antworten der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag gibt nun Einblick in die praktische Umsetzung des Gesetzes im zweiten Quartal 2026. Die Antworten zeigen unter anderem: Eine reguläre schriftliche Abgabe des Fragebogens ist nicht vorgesehen, Bußgelder wurden bislang noch nicht verhängt und fast ein Viertel der bereits untersuchten Personen wurde als wehrdienstunfähig eingestuft.

Fragebogen grundsätzlich nur online

Wie kann die sogenannte Bereitschaftserklärung abgegeben werden?

Die Bundeswehr sieht grundsätzlich eine digitale Abgabe über den bereitgestellten Online-Fragebogen vor. Eine reguläre Möglichkeit, den Fragebogen stattdessen schriftlich auszufüllen, gibt es nicht. In unserer Rubrik „Recht kurz“ erläutern wir die rechtlichen Rahmenbedingungen für eine schriftliche Abgabe.

Im zweiten Quartal verschickte die Bundeswehr insgesamt 169.141 Anschreiben. 86.962 gingen an Männer und 82.179 an Personen anderen Geschlechts. Insgesamt wurden 86.560 Bereitschaftserklärungen abgegeben, 83.483 von Männern und 3.077 von Personen anderen Geschlechts.

Noch keine Bußgelder wegen nicht ausgefüllter Fragebögen

Wurden bereits Bußgelder gegen Personen verhängt, die ihrer Verpflichtung zum Ausfüllen des Fragebogens nicht nachgekommen sind?

Nein. Im gesamten zweiten Quartal 2026 wurde nach Angaben der Bundesregierung kein entsprechender Bußgeldbescheid erlassen.

Wie künftig mit Verstößen umgegangen und wie hoch beziehungsweise in welchen Stufen Bußgelder verhängt werden sollen, ist offenbar noch nicht abschließend geklärt. Die hierfür vorgesehene Allgemeine Verwaltungsvorschrift zu Bußgeldverfahren nach § 45 Absatz 1 Wehrpflichtgesetz befindet sich laut Bundesregierung weiterhin in der Abstimmung.

Rund vier Prozent der angeschriebenen Männer haben ihre Bereitschaftserklärung nicht innerhalb der gesetzten Frist abgegeben.

Keine Musterungsladungen im 2.Quartal – aber bereits fast 1.500 Untersuchungen

Wie viele junge Menschen wurden im zweiten Quartal zur Musterung vorgeladen?

Auf diese Frage antwortet die Bundesregierung, im zweiten Quartal seien „keine Ladungen im Sinne der Fragestellungen erfolgt“.

Gleichzeitig wurden allerdings Musterungen beziehungsweise wehrmedizinische Untersuchungen abgeschlossen: 1.131 der angeschriebenen Personen wurden als wehrdienstfähig eingestuft, wobei die Bundesregierung hier mehrere Tauglichkeitsgrade zusammenfasst. Weitere 359 Personen wurden als wehrdienstunfähig eingestuft.

Damit waren von den insgesamt 1.490 genannten untersuchten Personen rund 24 Prozent wehrdienstunfähig.

1.073 Menschen haben 2026 bislang einen Freiwilligen Wehrdienst begonnen

Wie viele Menschen haben seit Jahresbeginn tatsächlich einen Freiwilligen Wehrdienst angetreten?

Zwischen dem 1. Januar und dem 30. Juni 2026 waren es 1.073 Personen. Die mit Abstand häufigste Verpflichtungsdauer betrug laut der Anlage zur Antwort elf Monate. Aus dem Jahrgang 2006 kamen die meisten Interessent*innen, es gab einzelne Freiwillige bis zum Jahrgang 1970.

Zum Stichtag 31. Juli 2026 waren zudem auf Grundlage der neuen Bereitschaftserklärungen 824 Einplanungen für einen Wehrdienst von sechs bis 23 Monaten im Jahr 2026 vorgenommen worden.

Die Zahlen stehen einer erheblich größeren Erfassungsstruktur gegenüber: Allein im zweiten Quartal wurden fast 87.000 Männer angeschrieben. Die Bundesregierung plant zudem, die Musterungsorganisation bis Sommer 2027 vollständig aufzubauen. Die dann vorgesehenen 24 Musterungszentren sollen Kapazitäten besitzen, um sämtliche Wehrpflichtigen eines Geburtsjahrgangs, rund 300.000 Menschen, flächendeckend zu mustern.

Fast 6.000 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung in drei Monaten

Auch die Zahl der Anträge auf Kriegsdienstverweigerung (KDV) bleibt hoch. Zwischen April und Juni 2026 gingen nach Angaben der Bundesregierung 5.984 KDV-Anträge ein. Davon stammten 5.571 von Ungedienten, 380 von Reservist*innen, 32 von Soldat*innen auf Zeit und einer von einem/einer Berufssoldat*in.

Wie viele der mit dem neuen Fragebogen angeschriebenen Personen einen KDV-Antrag gestellt haben, kann die Bundesregierung dagegen nicht beziffern. Dafür müssten nach ihrer Darstellung rund 6.000 Datensätze händisch abgeglichen werden. Der Aufwand von geschätzt 295 Arbeitsstunden sei „nicht zumutbar“.

Anerkannte Kriegsdienstverweigerer sollen nicht erneut gemustert werden

Müssen bereits anerkannte Kriegsdienstverweigerer des Jahrgangs 2008 ab 2027 nachträglich zur verpflichtenden Musterung?

Nach derzeitigem Stand: nein. Die Bundesregierung erklärt ausdrücklich:

„Die Ladung zur Musterung von Angehörigen des Geburtsjahrgangs 2008, die bereits anerkannte Kriegsdienstverweigerer sind, ist nicht geplant.“

Für bereits anerkannte Kriegsdienstverweigerer des Jahrgangs 2008 ist damit nach den aktuellen Planungen keine nachträgliche Musterung vorgesehen.

Doppelstaatler: Ausländische KDV-Anerkennung gilt in Deutschland nicht automatisch

Was gilt für Menschen mit doppelter oder mehrfacher Staatsangehörigkeit, die in einem anderen Land den Kriegsdienst verweigert oder einen Dienst geleistet haben?

Eine Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer in einem anderen Staat hat nach Angaben der Bundesregierung keine unmittelbare Rechtswirkung in Deutschland. Wer hier als Kriegsdienstverweigerer anerkannt werden möchte, muss sich auf Artikel 4 Absatz 3 Grundgesetz berufen und ein Verfahren nach deutschem Recht durchlaufen.

Auch bereits im Ausland geleisteter Wehrdienst, Wehrersatzdienst oder Freiwilligendienst wird derzeit nicht entsprechend angerechnet. Die dafür relevante Regelung in § 8 Absatz 2 Wehrpflichtgesetz findet nach Angaben der Bundesregierung aufgrund von § 2 Absatz 2 WPflG derzeit keine Anwendung, sondern erst im Spannungs- oder Verteidigungsfall.

Neue Wehrdienst-Strukturen werden weiter ausgebaut

Die Antworten der Bundesregierung zeigen, dass die Strukturen zur Erfassung und Musterung junger Menschen bereits weit vor der flächendeckenden verpflichtenden Musterung ausgebaut werden. Während bei zentralen Fragen – etwa der konkreten Ausgestaltung von Bußgeldverfahren – noch Regelungen fehlen, werden bereits hunderttausende junge Menschen angeschrieben und neue Musterungskapazitäten aufgebaut.

Für Kriegsdienstverweigerer enthält die Antwort zugleich wichtige Klarstellungen: Bereits anerkannte KDVler des Jahrgangs 2008 sollen nach aktuellem Stand nicht nachträglich zur Musterung geladen werden. Eine ausländische Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer von Doppelstaatler*innen wird nicht in Deutschland anerkannt. Dazu braucht es einen eigenen Antrag nach deutschem Recht.

Die vollständige Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage „Umsetzung des Wehrdienst-Modernisierungsgesetzes im zweiten Quartal 2026“ ist als Bundestagsdrucksache 21/7894 veröffentlicht.

Kriegsdienstverweigerung: Lass dich beraten!

Wer den Kriegsdienst verweigern möchte, muss damit nicht allein bleiben: Die Berater*innen der DFG-VK unterstützen dich bei allen Fragen rund um die Kriegsdienstverweigerung und begleiten dich durch den gesamten Prozess – von der Antragstellung bis zur Anerkennung. Alle wichtigen Informationen findest du unter verweigern.info. Unterstützung und persönliche Beratung bekommst du außerdem bei deiner lokalen DFG-VK-Gruppe bzw. deinem Landesverband.

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Kategorie: Allgemein, Anti-Militarisierung, Bundeswehr abschaffen, Kriegsdienstverweigerung, Rekrutierung der Bundeswehr Stichworte: Aufrüstung, Bundeswehr, Musterung, Wehrpflicht

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